Tränen bei der Polizei? Supervision im Studium Polizeivollzugsdienst

Nach traumatischen Erlebnissen werden Polizeibeamte, abhängig vom Bedarf, von Psychologen betreut.  Aber was ist mit der Verarbeitung von beruflichen Alltagsbelastungen? Steckt ein Polizist, eine Polizistin, diese weg, ohne Blessuren davon zu tragen?

Oder braucht die starke Organisation Polizei neue Möglichkeiten zur Verarbeitung von individuellen Gefühlen der Ohnmacht, Ärger, Versagensangst oder Selbstwertzweifeln, die die Arbeit mit dem Klientel, aber auch Konflikte mit Kollegen, oder Barrieren innerhalb der Institution, auslösen können? 

Polizeiliches Handeln ist geprägt vom Auftrag, das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen. Egal, ob Verkehrskontrolle, ein Notruf wegen häuslicher Gewalt, die Absicherung einer Demonstration oder eine Mordermittlung: Sachlichkeit, Objektivität und nachprüfbare Ergebnisse sind die Anforderungen, die von den einzelnen Beamten, aber auch von der Organisation als Ganze, gefordert werden.

Die potenzielle Gefahr, die mit der Polizeiarbeit einhergeht und nicht nur in Studien zur Gewalt gegen Polizeibeamte dokumentiert ist, erklärt zudem die Wichtigkeit des Zusammenhalts als erlebte „Gefahrengemeinschaft“.

Reflexion als Chance

Generell haben die Reflexion eigener Gefühlslagen im Blick auf als problematisch empfundene Fragestellungen und Situationen, eine Klärung der eigenen Position und die eigenverantwortliche Suche nach Lösungen in Konflikten in der Organisation Polizei keine Tradition.
Dabei haben Polizeibeamtinnen und –beamte in ihrem beruflichen Alltag mit existenziellen Fragen, mit Tod, Gewalt, Leiden und Schuld, zu tun. Dies verbindet sie mit sozialen und medizinischen Berufen, in denen Supervision als Teil der Personal- und Organisationsentwicklung eine längere Tradition hat.

Supervision im Studium

Supervision als Beratungskonzept, in dem in einem Kreis von Menschen mit dem gleichen beruflichen Hintergrund, zu konkreten persönlichen Fragestellungen Antworten gefunden werden, hat seit 2013 Einlass gefunden in die Ausbildung, den Bachelorstudiengang Polizeivollzugsdienst, in NRW.

Als eine von vielen DozentInnen gebe ich den Studierenden im ersten Semester einen Einführungstag zum Thema, in den Semestern nach den Praktika gibt es dann jeweils einen Tag kollegiale Beratung – Supervision.

Die jungen Studierenden sind hoch motiviert für ihren Beruf. Sie erleben in der Mehrheit die Möglichkeit, ihre Einstellungen, Werte und Gefühle zu reflektieren, sich darüber mit den Kommilitoninnen und Kommilitonen auszutauschen, ihre Wahrnehmung mit den Anforderungen der Organisation Polizei und der Gesellschaft abzugleichen, als Bereicherung. Sie sehen dies nicht als Bedrohung ihrer Autorität und Durchsetzungsfähigkeit.

In ihren Praktika werden sie mit Leichenfunden, Angehörigen nach Suizid, psychisch Kranken, ihnen gegenüber aggressiven und gewaltbereiten Menschen, aber auch mit Hierarchiekonflikten, persönlichen Antipathien unter Kollegen und mancher Frustration älterer Beamter kontaktiert.

Die angeleitete Reflexion konkreter persönlicher Fragen im Kreis der Kolleginnen und Kollegen erleben sie als entlastend, aber auch zielfördernd für die Entscheidung, was sie im nächsten Schritt tun wollen. Manchmal, um ein Erlebnis gut abzuschließen. Manchmal, um erfahren, dass sie kein Exot sind, sondern vieles ihrer Ängste und Sorgen von anderen geteilt wird. Manchmal, um einen Konflikt anzusprechen.

Vielleicht ist dieses Ausbildungsmodul sogar ein erster Schritt, beraterische Formate von Coaching und Supervision in die Polizei zu integrieren. Um den Einzelnen und die Organisation weiter zu entwickeln und stark zu machen bzw. stark zu halten.

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