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Nachrichten aus einem verschlossenen Land

Hyeonseo Lee war 17, als sie ihre Heimat, Nordkorea, über einen Grenzfluss nach China verließ. In ihre Autobiographie berichtet sie vom „ganz normalen Leben“ unter der Kim-Dynastie. In einem Land fast ohne Kontakt zur Außenwelt. In einem Land, das Kommunismus predigt und eines der undurchlässigsten Kastensysteme der Welt hat – geschaffen vom ersten Diktator, Kim Il-Sung. Am Freitag war sie in Berlin.
Rund 60 Menschen lauschten Hyeonseo Lee, als sie am Freitag, den 4. September 2015, im Berliner taz-Cafe ihre Geschichte erzählte. Sie ist aufgewachsen in einer Welt der Überwachung, in der öffentliche Hinrichtungen schon von Kindern beobachtet werden. Der Einzelne wird gezielt erzogen zur Unterordnung unter das Kollektiv, schon in der Grundschule müssen alle einmal die Woche eigene Fehler vor dem Kollektiv benennen und andere denunzieren. Lernen heißt zuhören und auswendig lernen, keinesfalls, Fragen zu stellen. Dazu kommt der magische Kult um die Führer der Kim-Dynastie. In den Jahren der großen Hungersnot Mitte der 90er ist es die Mutter, die die Familie mit Schmuggel und Bestechungen über Wasser hält.
Nach ihrer Flucht nach China lebt Hyeonseo Lee, wie geschätzt rund 100.000 andere Nordkoreanerinnen und Nordkorea, illegal im Land. Sie hat Glück und entkommt der Zwangsprostitution um ein Haar, viel Nordkoreanerinnen schaffen das nicht, das Geschäft mit ihnen ist ein lukratives für Zuhälter und Menschenhändler. Als Kellnerin, mit gefälschtem Pass überlebt Hyeonseo Lee.
Dann flieht sie nach Südkorea. Musste sie in China der Polizei beweisen, Chinesin zu sein, muss sie nun nachweisen, aus Nordkorea zu kommen. Sie schafft auch das. Als sie erfährt, dass ihre Mutter und ihr Bruder in Nordkorea immer mehr in den Fokus der Behörden geraten, holt sie die beiden aus dem Land. Noch einmal folgt eine gefährliche Flucht, 1000 km quer durch China. Ein paar Mal werden sie fast entdeckt und als sie schließlich in Laos ankommen, werden Mutter und Bruder verhaftet.
Heute lebt die Familie in Südkorea, und was wie ein Happy End klingt ist ein Leben im Exil, in dem Nordkoreaner nicht besonders willkommen sind. Deshalb hat Hyeonseo Lee sich entschlossen, ihre Geschichte zu teilen. Damit die Welt die Menschen in Nordkorea nicht vergisst, denn da die Abschottung noch immer so gut funktioniert, fehlen die Bilder, die das Land in die Medien bringen könnten. Sie will, dass wir alle hinschauen, dass wir unsere Regierungen in die Verantwortung nehmen, auf einen Wandel in Nordkorea hinzuwirken. Und sie will die Lebenssituation von Überläufern aus Nordkorea verbessern, insbesondere in Südkorea. Ihr Buch ist in 20 Sprachen übersetzt, nicht jedoch in Koreanisch.
Bleibt mir, mich bei Hyeonseo Lee für eine tolle Buchvorstellung zu bedanken, die ich im Namen des Heyne-Verlages in Berlin moderieren durfte.

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